Arzt/Ärztin Psychiatrie in Teilzeit //

Hallo, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich heiße Christoph Schneider und bin Arzt in Teilzeit. Ich habe in Gießen von 2007 bis 2013 Humanmedizin studiert. Das ist jetzt gerade erst ein paar Monate her. Erst waren natürlich Feiern und Entspannen angesagt. Doch schon bald holte mich die Realität ein, denn ich war finanziell erst einmal ziemlich abgebrannt. Nun wollte ich aber noch nicht gleich voll und ganz anfangen zu arbeiten, wollte ich zunächst doch noch meine Doktorarbeit schreiben. Eigentlich hatte ich ja sowieso vorgehabt, in der Inneren Medizin anzufangen. Doch welche Klinik stellt schon einen Neuling als Teilzeitkraft in der Inneren ein? So war zumindest meine gedankliche Ausgangsposition. Da erzählte mir ein Freund, er mache in einer Psychiatrie Nachtdienste – nachdem er eine Woche lang eingearbeitet wurde! Das klang schon sehr verlockend: Geld verdienen als Arzt und noch nicht so die lebensbedrohlichen Notfälle dabei haben… Gesagt getan, ich machte mich daran, alle umliegenden psychiatrischen Kliniken abzutelefonieren.

Bei der Vitos Klinik in Herborn gab man mir zu verstehen, dass sich sicherlich darüber reden ließe. So wurde ich zum Vorstellungsgespräch geladen, woraufhin wenig später eine Hospitation folgte. Dort musste ich recht schnell wider meiner Erwartungen und Wünsche feststellen, dass das mit den Nachtdiensten vielleicht doch nicht so eine gute Idee wäre. Ein Haus von 200 Betten, der zu versorgende Landkreis – und ich alleine…nachts, nur der Hintergrunddienst, den ich hätte anrufen können. Bald schon sagte ich mir, dass das keine Option für mich ist, schließlich hatte ich weder mein PJ noch eine Famulatur in der Psychiatrie gemacht. „Was nun?“ war die Frage, und ich dachte mir: Wenn ich schon nachts arbeiten könnte und dafür tagsüber schlafen müsste, warum nicht einfach in Teilzeit tagsüber im normalen Klinikbetrieb mitarbeiten? So wurde ein Vertrag über 50 % Teilzeitanstellung ausgearbeitet und ich fand mich als Stationsarzt wieder.

Jetzt bin ich seit einem halben Jahr dabei und ich kann nur sagen: Es macht einfach nur Spaß!
Ich gehe jeden Tag mit Freude zur Arbeit. Der Grund ist folgender: Ich werde erst einmal von allen Patienten, die sich vor der Tür, meistens zum Rauchen, befinden, freundlich begrüßt mit einem „Guten Morgen Herr Schneider!“. Oft kommt noch irgendeine nette Frage oder Anspielung dazu. Noch mehr freue ich mich auf die Leute von der Pflege. So eine Art der Zusammenarbeit ist mir in meiner gesamten Studienlaufbahn noch nicht begegnet! Das mag auch an der Station im Speziellen liegen, aber vielmehr noch an der Sache an sich: Hier gibt es täglich einstündige Übergaben, bei denen die Pflege die Neuigkeiten über alle Patienten erzählt, wie sie sich in den einzelnen Therapien verhalten, was nachts passiert war, wer Besuch bekommt, wer ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt wünscht, wer gerade Schwierigkeiten mit der aktuellen Medikation zu haben scheint, oder wer sich wem gegenüber wann plötzlich ganz anders verhalten hat, als bisher wahrgenommen. Man wäre chancenlos verloren ohne die Berichterstattungen der Pflege. Und dabei wird bei weitem nicht Trübsal über das Patientenleid geblasen. „Psychohygiene“ steht dabei nicht an letzter Stelle. Was nicht heißen soll, dass sich das Personal über Patienten lustig macht. Vielmehr ist es so, dass sich bei den teilweise so absurden Begebenheiten, die sich auf Station abspielen, einfach Phantasien und Assoziationen ergeben, die auch ihren Freiraum brauchen. Nicht umsonst der Begriff der Psychohygiene. Schließlich ist der unverkrampfte, zwar ernsthafte, aber hier und da auch einmal humorvolle Umgang mit den Patienten auch das, was ihnen das Gefühl gibt, auch auf unserer Station unter Menschen zu sein, die so sind wie „Du und ich“.

Nun zum Arbeitsfeld:
Wenn ich auf Station komme, mache ich erst einmal ein paar wenige Blutentnahmen, im Durchschnitt so circa zwei bis vier, wenn das nicht schon von den Kollegen übernommen wurde. Dann lasse ich mir von Kollegen und der Pflege das wichtigste Wissenswerte zu den Patienten berichten, sehe derweilen bereits kurz in meinem Fach nach. Dort sammelt sich immer alles, was meine Patienten betrifft. Neue Laborergebnisse, ausgefüllte Patientenfragebögen, EKGs, Akten etc. Dann gehe ich in mein Büro! Dort schaue ich auf meinen „schlauen Zettel“ von gestern, was ich nicht mehr geschafft hatte zu erledigen. Es ist nun einmal so, dass oft Dinge dazwischen kommen, die einen dazu zwingen, etwas auf den nächsten Tag zu verschieben. Das Tolle daran ist: Das ist meist gar kein Problem, da die Behandlung unserer Patienten eine oftmals langfristige Angelegenheit darstellt und es somit, im Vergleich zu somatischen Fächern, weniger Dinge gibt, die es sofort zu erledigen gilt. Das macht es so angenehm, in der Psychiatrie zu arbeiten: Vieles ist auf lange Dauer angesetzt und bedarf daher nicht immer akuten Handelns. Wenn man einen Arztbrief eines früheren Aufenthaltes eben nicht gleich bekommt, macht man es eben am nächsten Tag, die Blutentnahme war nicht zu verwerten – das reicht auch noch morgen. Ich konnte das Gespräch mit einem Patienten leider heute nicht wahrnehmen – steht für morgen ganz oben auf dem Zettel. Das hat auch zur Folge, dass man, vor allem in den ersten Monaten, nicht ständig mit dem Gefühl nach Hause geht, noch etwas vergessen zu haben. Hier geht es nun einmal kaum um akut lebensgefährliche Situationen. Und wenn, dann stehen einem ganz viele kompetente Leute und natürlich die Oberärzte zur Seite, die einem schon sagen, wie dabei verfahren wird.
Ganz oft kann ich mir auch die Zeit nehmen, kurz einmal etwas im Internet oder einem Buch nachzulesen, aufzufrischen, anzueignen.

Was ich aber ganz nebenbei am besten lerne, ist: Wie gehe ich mit komplizierten Patienten um? Wie nähere ich mich einem Psychotiker an? Wie einem akut manischen Patienten? Was sollte ich besser bei einem depressiven Patienten bedenken? Was bedeuten „Reizabschirmung“, „Eingrenzung“, „Deeskalation“?

Sehr interessant und aufschlussreich sind die Einzelgespräche mit den Patienten, bei denen immer auch eine Pflegekraft dabei ist. Diese dauern im Durchschnitt eine halbe bis dreiviertel Stunde, währenddessen manchmal wenig Neues, manchmal aber auch sehr viel Interessantes und Wichtiges zutage kommt. Man dokumentiert danach immer die bedeutendsten Punkte, so tut es auch die Pflegekraft. Wenn man sich während oder auch nach einer Behandlung eines Patienten die „Kurven“ durchliest, bekommt man einen ziemlich detaillierten Eindruck des Patienten und seiner Erkrankung. Manchmal ist das spannender, als ein Buch zu lesen!

Am spannendsten sind natürlich immer die Visiten. Diese sind einmal wöchentlich und finden immer im selben Raum auf Station statt. Es ist eine Runde aus Sozialarbeitern, Pflegepersonal, Psychologen und Ärzten sowie dem Patienten. Hierbei wird eigentlich alles besprochen, was die Diagnostik, die weitere Behandlung des Patienten, die Planung seiner Lebensverhältnisse oder auch dessen Nachbehandlung nach dem Aufenthalt angeht. Oft kommen auch Angehörige oder Betreuer zu den Visiten und liefern somit wertvolle Informationen und oft auch einen bisher fehlenden Teil zum Gesamtbild eines Patienten.
Es gab bisher keine Visite, in der sich nicht etwas Bewegendes, Erstaunliches, Trauriges, Lustiges, Erfreuliches oder einfach nur Interessantes abgespielt hätte.

Was mir ansonsten richtig gut gefällt an meiner Arbeit ist, dass ich das Gefühl habe, wirklich gebraucht zu werden, vor allem in der Funktion als Fachmann in medizinischen Fragen. Sind wir mal ehrlich: Wenn man einmal seit 10 oder 20 Jahren als Psychiater „dabei“ ist, hat man nicht mehr das umfassende Wissen über das gesamte Spektrum der modernen Medizin wie ein frischer Absolvent. So sehe ich mich schon auch in der Pflicht, ein Auge auf die somatischen Nebendiagnosen aller unserer Patienten zu haben. Diese sind natürlich so breit gefächert wie es nur möglich ist. Das finde ich ganz besonders anreizend, da ich so eine ganz andere Lern- und Fortbildungsmotivation habe, als wenn ich mich die ganze Zeit als totaler Neuling ohne Ahnung positioniert fühle, so wie es einem anfangs schon mal in den somatischen Fächern gehen kann. Selbst meine Oberärztin fragt mich hier und da einmal bei etwas, das ihr, verständlicherweise, gerade nicht mehr so präsent ist.

Hinzu kommt, dass man Erfahrungen in einem medizinischen Bereich macht, der einem sonst eigentlich ziemlich fremd und unzugänglich erscheint, respektive des psychopharmakologischen Aspekts. Diese Medikamente weisen ja nicht selten starke Interaktionen und Nebenwirkungen auf. Als äußerst wertvoll erachte ich abschließend auch die zwischenmenschlichen Kompetenzen, die man sich im Kontakt mit den Patienten, aber vor allem beim Lernen von dem langjährig erfahrenen Personal, aneignet. Es ist geradezu erschreckend, wie viel strukturierter und entspannter ich mich mittlerweile in persönlichen Konfliktsituationen oder sensiblen Gesprächen mit Freunden und Bekannten wiederfinde.

Jetzt fragt ihr euch mit Sicherheit, warum ich das eigentlich hier blogge… Ich sage es euch ehrlich: Neulich lud mich der Klinikdirektor in sein Büro. Ich wusste nicht recht, was mich erwarten sollte. Er wollte wissen, was er tun muss, damit vor allem junge Ärzte, wie ich es bin, Interesse daran bekommen, in seiner Klinik zu arbeiten, es eben einmal mit Psychiatrie zu versuchen. Klar, nicht nur in Herborn, beinahe überall in Deutschland werden in Psychiatrien Ärzte gesucht. Woran liegt das? Wenn ihr mich fragt, liegt das vor allem daran, dass einem dieses Fach im Studium unschmackhaft gemacht wird. Was mir vor allem von Psychiatrie hängen blieb, waren „verrückte“ Medikamente mit noch viel „verrückteren“ Wechselwirkungen und leider kein annähernd realistischer Eindruck vom tatsächlichen Arbeitsablauf oder auch Behandlungskonzept in einer Psychiatrie.

Und warum gerade nach Herborn? Ich kann nur soviel sagen: Ich wohne noch in Gießen. Es macht mir aber nichts aus, 4 Tage die Woche, dreimal davon für jeweils nur 4 Stunden Arbeitszeit, eine Strecke von 40km mit dem Zug zu fahren. Ich nehme mein Fahrrad mit, der Zug startet in Gießen auf Gleis 1 und in Herborn sind es noch 7 Minuten mit dem Rad. Während der 25minütigen Zugfahrt lese ich meistens etwas aus dem Ärzteblatt, bereite mich gedanklich auf die Station vor oder entspanne einfach nur. Ebenso ist die Zugfahrt nach einem etwas anstrengenden Arbeitstag sogar sehr entspannend, da die Landschaft entlang der Strecke wirklich reizvoll ist

.

Viel wichtiger aber natürlich ist, dass ich das Gefühl habe, hier in einem richtig kompetenten und anspruchsvollen Team zu arbeiten. Nicht umsonst kursiert das „Gerücht“, welches mir auch von den erfahrenen Mitarbeitern durchaus so bestätigt wird, dass in Herborn „echt gute Psychiatrie gemacht wird“. Was damit gemeint ist, denke ich, ist, dass es hier neben aller fachlicher Kompetenz auch sehr menschlich und warmherzig zugeht.

So, nun wollte ich Euch keinesfalls überreden, nach Herborn zu kommen und Euch der Psychiatrie zu verschreiben. Wenn ich es doch getan habe: Tut euch keinen Zwang an, ihr könntet es echt schlimmer treffen.
Solltet ihr Fragen an mich haben, scheut euch nicht, mich anzurufen! Lasst euch einfach über die Pforte mit meinem Telefon verbinden.

Alles Gute und vielleicht bis bald,

Christoph Schneider